Früher Entwurf mit großer Geschichte


Ein ganz besonderer Entwurf aus dem Musterschatz ist zurückgekehrt in das Sortiment von Wendt & Kühn: die Weihnachtskrippe.
Es sind nicht nur die moderne Formensprache, die Schlichtheit und gleichzeitig der Detailreichtum, der einigen Figuren innewohnt, sondern auch die faszinierende Geschichte, die den Charakter dieser außergewöhnlichen Figurengruppe prägt.

Vollständige Weihnachtskrippe 250: abgebildet im Katalog 1924

Die Weihnachtskrippe zählt zu den wenigen Figurengruppen, die Grete Wendt bereits vor der Firmengründung von Wendt & Kühn entwarf. Damals studierte sie an der Königlich-Sächsischen-Kunstgewerbeschule in Dresden. Für die junge Künstlerin war das ein großes Glück, denn sie besuchte dort die erste Damenklasse, die es an der Schule je gab. Zuvor war Frauen der Zugang zu dieser Bildungseinrichtung verwehrt gewesen. Den Abschluss des Studiums bildete ein Praxissemester, das Grete Wendt bei den Deutschen Werkstätten in Hellerau, heute ein Ortsteil von Dresden, absolvierte. Das Unternehmen war damals ein aufstrebender, moderner Betrieb. Im Zuge der Reformbewegung des Kunstgewerbes zählte er zu den bedeutendsten Herstellern von Möbeln nach Entwürfen namhafter Künstler. Bereits 1898 gegründet, erfolgte 1909 nach mehreren Standortwechseln die Grundsteinlegung für die Fabrikgebäude in Hellerau und gleichzeitig für die gleichnamige berühmte Gartenstadt. Die Inbetriebnahme erfolgte 1910.

Originaldokument: Brief vom Dürerbund an Grete Wendt vom 8.12.1911

Die als Gutshof angelegten Fabrikhallen und die moderne Architektur müssen Grete Wendt imponiert haben, als sie im Oktober 1910 ihr Praxissemester antrat. Von Karl Schmidt, dem Gründer der Werkstätten, bekam sie als erstes den Auftrag, eine Weihnachtskrippe zu gestalten. Ihr Entwurf wurde extern bei der Firma Th. Heymann in Großolbersdorf gefertigt, da Grete Wendt noch keine eigenen Werkstätten besaß. Bereits 1911, folglich kurz nach dem Entwurf der Krippe und der Herstellung der ersten Muster, präsentierte die talentierte Gestalterin ein Exemplar auf der Weihnachtsausstellung des König-Albert-Museums in Chemnitz (heutige Kunstsammlungen Chemnitz). In der nur zweiwöchigen Ausstellungszeit erlangte die Weihnachtskrippe bei den Besuchern große Beachtung. Noch während der Ausstellung erhielt Grete Wendt eine Anfrage vom Dürerbund in Dresden, der die Krippe gern in das Verkaufssortiment des Dresdner Dürerhauses aufnehmen wollte. Der Dürerbund war zu dieser Zeit die führende kulturreformatorische Organisation im deutschsprachigen Raum. Umso ehrenwerter für die junge Gestalterin, dass sie die Anfrage direkt vom Gründer des Dürerbundes, Ferdinand Avenarius, erhielt. Zeitgleich berichteten zahlreiche Fachzeitschriften und Tageszeitungen über die Ausstellung und erwähnten stets den gelungenen Entwurf von Grete Wendt aus Grünhainichen.

Das Talent von Grete Wendt sprach sich herum und weitere Aufträge folgten. Die hohe Nachfrage nach ihren Erstentwürfen, zu denen neben der Krippe auch der Lichterengel, der Bergmann sowie die Beerensammler zählen, war sicher ein Grund, der Grete Wendt und Grete Kühn bewog, eine eigene Manufaktur zu gründen. So waren sie unabhängig von anderen Herstellern und konnten Vertrieb und Verkauf besser organisieren. Von der Gründung von Wendt & Kühn im Jahr 1915 bis 1949 war die Weihnachtskrippe im Sortiment, bevor sie die nächsten Jahrzehnte im Musterschrank bleiben sollte. Nach 72 Jahren wird sie nun erstmals wieder aufgelegt.

Mit ihrem Entwurf im Jahr 1910/11 war Grete Wendt ihrer Zeit voraus. Geradlinig und minimalistisch ist die Formensprache, wie man sie möglicherweise erst 1919 von den Künstlern des Bauhauses erwarten würde. Bis heute zeichnet sich die Figurengruppe durch eine moderne Gestaltung aus und überzeugt mit ihrer klaren Linienführung. Die Farbgebung vollendet die Komposition der Figuren, ist sie doch den jeweiligen gesellschaftlichen Ständen angepasst: Maria, Josef und die Hirten sind in schlichten, bescheidenen Farben gehalten, während die Kleidung der Heiligen Drei Könige durch reiche Farben und Musterungen beeindruckt. Das Jesuskind liegt behütet und in Tücher gehüllt in einer Wiege. Der Stall, die Schafe und die Palmen vollenden die Szenerie, die gesäumt wird von zahlreichen Engeln. Ab Oktober 2021 sind nun die ersten Figuren dieser Weihnachtskrippe wieder erhältlich: Maria, Josef, die Krippe mit Kind sowie ein Krippenengel. In den nächsten Jahren folgen weitere Figuren, bis die Szenerie vollständig ist.