

Harfenistin Gabriella Victoria
Gabriella Victorias Mutter war Tänzerin. Im Nebenraum ihrer Tanzklasse wurde Harfenunterricht gegeben. Hier hatte sich die kleine Victoria in den Klang des Instruments verliebt und beschloss bereits als Dreijährige: „Ich will Harfe spielen“. Ihre Eltern schickten sie zunächst zum Klavierunterricht. Mit fünf Jahren durfte sie endlich Harfe lernen. Seitdem ist das Instrument ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Den Klang beschreibt die Französin als ‚sehr natürlich‘.
8:50 Uhr Gabriella Victoria stellt ihr Fahrrad zu den vielen Rädern, die sich vor dem Personaleingang des Gewandhauses aufreihen. Im Gegensatz zu anderen Musikerinnen und Musikern hat sie ihr Instrument nicht dabei. Ihr erster Weg führt sie ins Harfenzimmer. Hier trifft sie ihre Kolleginnen. Ihr fröhliches Wesen macht gute Laune, und ihr charmanter französischer Akzent im nahezu perfekten Deutsch klingt allein schon wie Musik. Die 39-Jährige ist in Bordeaux in Frankreich geboren und kam 2011 für eine zweijährige Harfen-Ausbildung an die Mendelssohn-Orchesterakademie nach Leipzig. Seit ihrem Abschluss 2013 spielt sie als festes Mitglied des Gewandhausorchesters und hatte seitdem unzählige Auftritte im Gewandhaus selbst, in der Oper Leipzig und auf Tourneen rund um den Erdball.
9:00 Uhr Mit ihren Notenblättern unter dem Arm betritt Gabriella Victoria den großen Konzertsaal. Noch ist alles still. „Wir Harfenistinnen sind bei Proben oft die ersten – und die letzten“, schmunzelt die Frühaufsteherin, die am Morgen bereits ihre beiden Kinder in den Tag begleitet hat. „Ich bin meist schon eine Stunde vor Probenbeginn da, stimme mein Instrument und mache ein paar Fingerübungen“. Allmählich treffen ihre Kolleginnen und Kollegen ein. Alle in Zivil, meist in Jeans, bequemem Kleid oder Shirt. Ein ungewohnter, ganz authentischer Anblick – kennt man sie doch eher in Frack mit weißer Fliege und eleganten Kleidern. Geigen, Hörner, Flöten und Klarinetten erklingen, alle üben ein letztes Mal – ein wildes „Klangdurcheinander“, von dem sich Gabriella Victoria nicht aus der Ruhe bringen lässt. Es scheint fast so, als wäre sie in ihrer ganz eigenen Harfen-Welt.
10:00 Uhr Das Orchester ist vollzählig, die Probe kann beginnen. Heute spielen die Musiker das Stück zum ersten Mal gemeinsam. Es wird wiederholt, wenn etwas noch nicht stimmig ist, variiert und optimiert. „In der Probe arbeiten wir vor allem daran, eine Verbindung zwischen den Instrumenten zu schaffen. Da liegen schon unzählige Stunden hinter uns, in denen jeder für sich geübt hat“, erklärt die Harfenistin die aufwendigen Vorbereitungen.
10:20 Uhr Nun hat Gabriella Victoria ihren Einsatz. Sie lehnt die große Harfe an ihre Schulter und lässt ihre Finger gefühlvoll über die Saiten gleiten. Wie ein zarter Goldfaden weben sich die sanften Harfentöne in den Klangteppich der knapp 90 Instrumente. „Manchmal vergeht auch eine Stunde, bis ich an der Reihe bin. Wenn es dann soweit ist, muss ich auf den Punkt da sein, auch wenn die Finger bis dahin ruhten“, beschreibt die Wahl-Leipzigerin eine der Herausforderungen.
12:30 Uhr Die Probe ist zu Ende, die Musiker verlassen den Saal. Nun eilt Gabriella Victoria nach Hause. Nach einer kleinen Stärkung heißt es: üben, üben, üben. Wenn sie nicht einen der dafür vorgesehenen Räume im Gewandhaus nutzt, geschieht das im heimischen Musikzimmer.
15:30 Uhr Die nächsten zwei Stunden gehören allein ihren Kindern. Wenngleich Gabriella Victoria fast immer, wie sie sagt, „Musik im Kopf“ hat, ist jetzt harfenfreie Zeit.
18:00 Uhr Die Harfenistin macht sich zum zweiten Mal an diesem Tag auf ins Zentrum von Leipzig. Als sie eine halbe Stunde später erneut das Gewandhaus betritt, freut sie sich auf das „Geschenk der Woche“. Mit schönstem französischen Akzent ergänzt sie: „Das Konzert ist das Bonbon“. Im Harfenzimmer schlüpft sie in ihr langes schwarzes Kleid. Ihre großen dunklen Augen strahlen, das Rot des Lippenstiftes hebt ihr sympathisches Lächeln nun besonders hervor. „Jetzt sind wir alle schicker“, sagt sie mit einem Zwinkern.
18:45 Uhr Zahlreiche Musikerinnen und Musiker sind auf der Bühne und bereiten sich auf das Konzert vor. An diesem Abend stehen Werke von Debussy und Ravel auf dem Programm. Etwa eine halbe Stunde vor Konzertbeginn verlassen die Orchestermitglieder die Bühne – mit Ausnahme der Musiker an Harfen und Kontrabässen, die ihre Instrumente noch einmal stimmen. „Das ist einer meiner Lieblingsmomente“, erzählt Gabriella Victoria. „Im Saal herrscht vollkommene Stille. Dann öffnen sich zum ersten Mal die Türen für das Publikum und man hört, wie die Menschen nach und nach ihre Plätze einnehmen. Dieses leise Stimmengewirr hat etwas ganz Besonderes.“
19:20 Uhr Das Orchester versammelt sich hinter der Bühne. Die Atmosphäre ist locker und zugleich von gespannter Erwartung geprägt. Es wird gelacht und geplaudert – ein letztes gemeinsames Durchatmen vor dem großen Moment.
19:30 Uhr Die Musikerinnen und Musiker haben gemeinsam unter dem Applaus des Publikums die Bühne betreten. „Für uns hat dieser Augenblick immer wieder etwas Magisches. Eine einzigartige Mischung aus Freude, Vorfreude und höchster Konzentration“, schwärmt Gabriella Victoria, die jetzt ganz bei sich ist – fokussiert auf die Musik. „Auch nach so vielen Jahren habe ich noch großen Respekt vor der Institution Gewandhaus zu Leipzig und dem Publikum. Für mich ist unser Orchester das beste der Welt. Ich möchte alles geben. Wie bei einem Sportler, der tagtäglich übt und bei Olympia auf den Punkt abliefern muss. Wenn das gelingt, ist das fantastique (dt. fantastisch)“, beschreibt die Profi-Musikerin das Gefühl in ihrer Muttersprache.
21:45 Uhr Im großen Saal ist der letzte Ton verhallt, das Publikum applaudiert begeistert. Die Orchestermitglieder reichen sich die Hände. „Wir sagen unseren Kollegen ‚Bravo‘ für das, was sie geleistet haben. Das ist eine schöne Tradition.“ Wenn die Gäste und die anderen Musiker längst weg sind, ist Gabriella Victoria noch immer auf der Bühne. Sorgfältig hüllt sie ihr großes Instrument ein. Das Team der Orchesterwarte transportiert die 40 Kilogramm schwere Harfe mit einem speziellen Wagen in den Harfenraum.
22:00 Uhr An diesem Tag fährt die Musikerin nicht gleich nach Hause wie sonst zumeist, wenn sie am nächsten Tag eine Vormittagsprobe hat. Heute sitzt sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen noch ein Weilchen in der Kantine. Sie feiern das gelungene Konzert.
00:00 Uhr Mit der letzten Straßenbahn kommt Gabriella Victoria zuhause an. Sofort schlafen kann sie nicht. „Zu viel Adrenalin“, erklärt sie. Am liebsten hört sie dann noch ein bisschen Musik. „Aber keine Klassik“, fügt sie lächelnd hinzu.